Privat

,,Magdeburg, ist das nicht voll die Nazistadt?”


Diese Frage kommt als erstes auf, als ich erzähle, dass ich für ein eintägiges Probestudium nach Magdeburg
fahren werde. Dort möchte ich gemeinsam mit meiner Freundin die Hochschule H2 Magdeburg-Stendal
besser kennenlernen, spezifisch den Studiengang Journalismus. Als die Hochschule auf einer Messe
vorgestellt wurde, hatte ich mir erstmal keine Gedanken darüber gemacht, dass Magdeburg die Hauptstadt
des neuen Bundeslandes Sachsen-Anhalt ist, und sich damit in einem der Länder befindet, in denen die AfD
momentan klar auf dem Vormarsch ist.


Denn bestimmt sind Großstädte, vor allem Unistädte, eher liberaler eingestellt, oder? Und weder meine
Freundin noch ich waren vorher jemals in Magdeburg. Warum also nicht einer neuen Stadt mit einem
interessanten Studiengang eine Chance geben?


Wir machen uns also an einem Dienstagmorgen um fünf auf den Weg zur Hochschule, damit wir ja pünktlich
sind. Was unsere Erwartungen an das politische Klima dort angeht, sind wir vorbelastet. Das merkt man schon
daran, dass wir bei der ersten Sichtung eines ,,Willkommen in Sachsen-Anhalt!” Schildes sofort darüber
witzeln, dass wir uns ab jetzt besser nicht an der Hand halten oder die Zahlen ,,161” aneinanderreihen sollten.
Trotz dieser zugegeben eher nicht ernst gemeinten Bemerkungen schwingt ein gewisser ernster Unterton mit.
Wir wissen, dass die AfD in den östlichen Bundesländern deutlich besser abschneidet als zum Beispiel bei uns
in Niedersachsen. Wir kennen Videos aus dem Internet, in denen sich selbst als ,,Ossis” bezeichnende
Menschen teils rechtsextreme Inhalte verherrlichen, reproduzieren oder selbst in die Welt setzen. Wir kennen
beispielsweise die Videos von Webvideoproduzent und Aktivist Marcant, der auch immer wieder im Osten
Deutschlands auf Demonstrationen mit rechten Jugendlichen das Gespräch sucht- mal mehr, mal weniger
erfolgreich. Und wir wissen: die Bedrohung von rechts ist real.


2025 zählt der Landesverfassungsschutz von Sachsen-Anhalt mit 7.310 Personen in sogenannten
verfassungsfeindlichen Zusammenschlüssen einen Anstieg von 19,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dieser
Zuwachs würde sich vor allem im Bereich Rechtsextremismus zeigen. Seit Oktober 2023 ist der
Landesverband der AfD in Sachsen-Anhalt gesichert rechtsextremistisch- und trotzdem ist die AfD dort
momentan stärkste Kraft. Dazu später mehr.


Nachdem wir uns hastig und ohne wirkliche Möglichkeit, zuerst einen Überblick von der Stadt zu
verschaffen, an der Hochschule ankommen, werden wir freundlich empfangen. Eine dort tätige Frau erzählt
uns, sie komme selbst aus Lüneburg und sei am Gymnasium Oedeme zur Schule gegangen- das Johanneum
kennt sie auch. Das erste Mal kommt das Thema Rechtsextremismus wieder zur Sprache, als uns in einem
der Seminarräume eine Einführung in den Studiengang Journalismus gegeben wird.


Eine Lehrende redet mit uns über die Wichtigkeit von journalistischer Arbeit, vor allem auch die Kritik, die
diese übt- und dann davon, dass die AfD gerne ,,selbst mit der Bevölkerung sprechen” würde, und den
Umweg über Journalisten gerne vermeiden würde. Dadurch, dass vorher die Wichtigkeit von kritischen
Nachfragen herausgestellt wurde, werden hier die AfD und ihre Ziele kritisiert.


Ein weiteres Mal kommt das Thema zur Sprache, als wir eine Studierende geradeheraus fragen, ob es hier
viele Rechtsextreme gäbe. Sie spricht davon, dass man natürlich erstmal in seiner Studentenbubble sei und
dort von rechts wenig zu merken sei. Allerdings müsse man schon bedenken, dass Magdeburg nicht Hamburg
oder Berlin sei, was das angehe. Man müsse aber auch keine Angst haben, direkt auf der Straße angefeindet
zu werden.


Dazu muss angeführt werden, dass wir uns im Gespräch mit einer weiß gelesenen Person befinden. Für
Menschen, die dieses Privileg nicht haben, sieht die Lage wie so oft anders aus. Vor allem seit dem Anschlag
auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024 hat die Zahl der Übergriffe und Gewalttaten auf Menschen mit
Migrationshintergrund zugenommen.


Generell sieht man beinahe überall auf dem Campus Plakate oder Sticker, die gegen die AfD und sonstigen
,,braunen Dreck”, ein Verweis auf die braunen Uniformen der Nationalsozialisten, Stimmung machen. Im
Gespräch mit weiteren Studierenden wird schnell klar, dass auch diese nichts von der Partei halten. In einer
Vorlesung wird auch auf die Gefahr hingewiesen, dass, sollte die AfD die Landtagswahlen im September
gewinnen, die Medien in ernsthafte Bedrängnis geraten könnten. In Sachsen-Anhalt könnte eine mögliche
AfD-Regierung dann die Medienstaatsverträge kündigen und die GEZ-Gebühren abschaffen. Jedoch müsste
laut Bundesverfassungsgericht beispielsweise für den MDR ein Ersatz geschaffen werden. Dann könnte die
Beitragslast für die Bevölkerung sogar noch höher werden.


Man merkt also, die AfD schlägt Wellen. Doch auf der Hochschule weiß man diese aus unserer Sicht
einzuordnen.


Nachdem unser Schnupperstudium für den Tag vorbei ist, haben wir noch etwas Zeit, bevor unser Zug abfährt.
Wir überbrücken also mit der Straßenbahn den kurzen Weg in die Innenstadt. Magdeburg hat einige schöne
Ecken, erinnert mich optisch teils an Hamburg. Trotzdem haben wir das Gefühl, mehr Menschen in der oft von
Rechten getragenen Marke ,,Alpha Industries” zu begegnen, oder männlich gelesenen Jugendlichen etwa in
unserem Alter, die mit kurzgeschorenen Haaren, schwarzen Klamotten und bösen Blicken in unser Bild von
rechten Jugendlichen passen. Wir beschließen also, diesen subjektiven Eindruck zu überprüfen und
nachzuforschen, wie genau denn nun die Zahlen für die kommende Landtagswahl aussehen.


Momentan zeigt die Prognose, dass 41,6% der Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt für die AfD stimmen
würden. 24,9% würden ihre Stimme der CDU geben, 12,6% der Linken. Mit 6,4% schafft die SPD in der
Prognose gerade so die 5%-Hürde. Alle anderen Parteien wären gar nicht vertreten.


Die AfD ist also nicht weit davon entfernt, die absolute Mehrheit für sich zu beanspruchen. Magdeburg selbst
ist da nicht unbedingt eine Ausnahme. Bei der Bundestagswahl 2025 kann Claudia Weiss von der AfD 32,2%
der Erststimmen für sich beanspruchen, ein Anstieg von 17,2 Prozentpunkten gegenüber der
vorangegangenen Wahl. Der Kandidat der CDU auf dem zweiten Platz hat bereits fast zehn Prozentpunkte
weniger.

„Grafik: NDRData/FRQuelle: BundeswahlleiterinKartenmaterial: © 2024 Die Bundeswahlleiterin”

Stärkste Partei nach Zweitstimmen bei der Bundestagswahl 2025 AfD: Blau

Doch woran liegt diese Diskrepanz zwischen Osten und Westen?


Was auffällt, ist, dass das Gebiet, in dem die AfD stärkste Kraft wurde, beinahe identisch mit dem der
ehemaligen DDR ist. Dort sind die Löhne niedriger, die Arbeitslosenquote höher, es sind weniger
Bildungschancen vorhanden, und die älteren Generationen wissen immer noch, was für ein Umbruch die
Wiedervereinigung für sie war. Manche verloren ihre Jobs, viele fühlten sich gesellschaftlich abgehängt- vor
allem die, die eher mit dem Regime der DDR sympathisierten. Wer sich also mit der aktuellen Ordnung nicht
identifizieren kann, radikalisiert sich möglicherweise.


Unser Eindruck ist: Bildung und Aufklärung könnten helfen, dem vorzubeugen- wenn sie denn vorhanden sind.
An der Hochschule Magdeburg-Stendal sind sie das. Doch nicht nur Studenten sind wahlberechtigt, und die
eigene Bubble platzt schnell, wenn sich auf der Rückfahrt aus Magdeburg eine Frau über Schwarze Babys in
Deutschland beschwert. Das schockiert, doch dieser Schock ist wichtig. Alltagsrassismus darf nicht
normalisiert werden. Bleibt nur, die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt abzuwarten, um zu sehen, ob ein
rechtsextremer Landesverband möglicherweise diesen Schritt geht.

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