Schülerzeitung 2024 – Jojo Times https://jojotimes.de Die digitale Schülerzeitung des Johanneums Wed, 18 Dec 2024 14:14:53 +0000 de hourly 1 https://jojotimes.de/wp-content/uploads/2023/10/cropped-photo-32x32.jpg Schülerzeitung 2024 – Jojo Times https://jojotimes.de 32 32 Zukunft neu gedacht – junger Journalismus https://jojotimes.de/2024/12/18/zukunft-neu-gedacht-junger-journalismus/ https://jojotimes.de/2024/12/18/zukunft-neu-gedacht-junger-journalismus/#respond Wed, 18 Dec 2024 14:14:53 +0000 https://jojotimes.de/?p=1090 Foto: Dr. Sven Halldorn hält einen Vortrag über eine nachhaltige Gestaltung der Mobilität

Ein Bericht über den Jugendpressekongress in Berlin

Es sind nur noch wenige Minuten, bis die Artikel und Videos fertiggestellt sein müssen. Einige diskutieren noch angeregt mit Gruppenmitgliedern über noch ungeklärte Fragen, andere tippen unaufhörlich in die Tasten ihrer Laptops oder versuchen die letzten Fragen in Interviews mit Expert*innen zu beantworten. Auch ich schreibe meine letzten Sätze, während die anderen aus der Gruppe sich einen Titel für unseren Artikel überlegen. Der Zeitdruck ist förmlich spürbar, aber auch der Stolz auf die gemeinsame Arbeit und die Vorfreude auf die Ergebnisse der anderen – und vielleicht auch ein kleines bisschen auf das Abendessen im Restaurant. All das und noch Vieles mehr erlebe ich auf dem 197. Jugendpressekongress in Berlin. 

Am Wochenende vom 20. bis zum 22. September 2024 kommen rund hundert Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 15 bis 20 Jahren aus ganz Deutschland zusammen, um mit Unterstützung von Profijournalist*innen mehr über Presse und Medien zu lernen. Verschiedene Expert*innen halten Vorträge zu den Themen Nachhaltigkeit und Mobilität und liefern Input für die Kongresszeitung, das Webmagazin und den TV-Beitrag, die die Jugendlichen gestalten.

Als ich im Kongresshotel in Berlin ankomme, treffe ich auf viele freundliche Menschen, die teilweise von weither angereist sind. Beim Abendessen unterhalten wir uns darüber, wo wir uns engagieren, beispielsweise in der Schule als Schülerzeitungsredakteur*in oder Schülersprecher*in, in der Politik, der Kirche, bei Umweltorganisationen oder der Freiwilligen Feuerwehr. „Mir hat besonders die offene Atmosphäre unter den Teilnehmenden gefallen und die Möglichkeit mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen“, berichtet der sechzehnjährige Schüler Max aus Duisburg. Der Pressekongress bietet die Möglichkeit sich mit ähnlich interessierten Menschen auszutauschen und zu vernetzen.

Am Samstag, dem Haupttag des Kongresses, verfolgen wir gespannt die Vorträge der Expert*innen, machen eifrig Notizen und stellen Fragen. Zum Einstieg werden wir über das Zukunftsziel der Nachhaltigkeit und den Umgang mit den 17 Nachhaltigkeitszielen der UN informiert. Diese Ziele, die ökologische, ökonomische und soziale Aspekte umfassen, wurden im Jahr 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedet. Die Staaten verpflichteten sich dazu, diese bis zum Jahr 2030 umzusetzen, um den nachfolgenden Generationen die gleichen Chancen zu ermöglichen wie wir sie heute haben. Der Referent betont dabei, dass jeder und jede selbst Verantwortung übernehmen und einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten solle. Dabei reiche es, wenn man sich kleine Ziele, wie zum Beispiel das Spenden an die Tafel oder die vermehrte Nutzung des Fahrrads statt des Autos, setze, da auch diese in ihrer Gesamtheit Großes bewirken könnten.

Ein weiterer Vortrag des Ministerialdirigenten der Bundesregierung Dr. Guido Heinen deckt viele Fakten über Medien und Journalismus auf. Er berichtet darüber, wie Medien unsere Wahrnehmung prägen und welchen Einfluss verfälschte Berichterstattung, zum Beispiel durch ungenaue Statistiken, überspitzte Formulierungen oder auch gezielte Fakenews, hat.

Am Nachmittag teilen wir uns in verschiedene Gruppen auf, die von Journalist*innen großer Sender und überregionaler Zeitungen begleitet werden. Eine Gruppe kümmert sich um die Kongresszeitung, bei der auch ich mitmache, eine um das Onlinemagazin und die dritte Gruppe wird von einem Kamerateam begleitet, um einen TV Beitrag zu gestalten. Die Profijournalist*innen geben uns zuerst in einem Workshop viele Tipps zur Berichterstattung. Darauf folgen weitere Vorträge von Expert*innen, die sich vor allem auf das Thema einer nachhaltigen Mobilität fokussieren. Zum Beispiel der Vortrag über die Bedeutung von nachhaltigem Schienengüterverkehr, den Dr. Nikutta von der Deutschen Bahn hält, oder die spannenden Einblicke in die Welt alternativer Kraftstoffe, die Prof. Dr. Jürgen Krahl liefert.

Foto: Teilnehmer*innen führen ein Interview mit Prof. Dr. Jürgen Krahl

Nun erleben wir selbst den journalistischen Alltag. In drei Stunden sollen die Artikel geschrieben und die Videos gedreht sein. Eilig hauen wir in die Tasten unserer Laptops, recherchieren, führen Interviews mit den Expert*innen, filmen Statements und halten die verschiedenen Zukunftsperspektiven fest. Ich verfasse in einer Gruppe mit vier Weiteren einen Artikel über ein mittelständisches Unternehmen der Metallindustrie, dessen Geschäftsführerin im Interview mit mir die Bedeutung kleinerer Unternehmen bei der nachhaltigen Entwicklung der Wirtschaft hervorhebt. Der siebzehnjährige Schüler Oliver aus Alzenau ist in der Webmagazin-Gruppe. Er erzählt: „Ich habe ein Webmag-Interview geführt und einen Artikel geschrieben. Für jeden, der Dinge kritisch hinterfragt oder sich für den Journalismus interessiert, ist der Kongress auf jeden Fall ein Muss“.

Am Ende des Kongresses liegt die fertige Zeitung auf dem Tisch, das Webmag kann online abgerufen werden und der Film gemeinsam angeschaut werden. Für uns alle war es ein interessantes Wochenende, bei dem wir viel lernen konnten.

Das Kongresswochenende wurde neben weiterer Bildungsveranstaltungen für junge Menschen von der young leaders GmbH organisiert. Diese will junge Menschen, die sich ehrenamtlich für Andere engagieren und Verantwortung übernehmen, fördern. So findet zum Beispiel zweimal im Jahr die young leaders Akademie statt. Dort entwickeln die Teilnehmer*innen eine Woche lang Zukunftsstrategien und schreiben Artikel oder drehen Videos dazu. Außerdem finden auch Veranstaltungen wie die Philosophie- und die Lateinakademie statt. Bei diesen und weiteren Veranstaltungen dreht es sich meist um die Entwicklung neuer Gedanken, Zukunftsvisionen und Zukunftsgestaltung sowie Medien und Journalismus. Alles was man braucht, um sich zu bewerben, ist ein ehrenamtliches Engagement, die Motivation neue Erfahrungen zu machen und die Offenheit, mit verschiedenen Menschen in Kontakt zu treten. Eins ist klar: Es lohnt sich! Zum einen kann man seinen eigenen Horizont durch Expertenvorträge und den Austausch mit anderen Teilnehmenden erweitern, zum anderen in neue Themenbereiche eintauchen und zum Beispiel journalistisches Arbeiten erlernen. Wir sind die Generation, die die Zukunft entscheidend mitgestalten kann und muss. Durch Veranstaltungen wie diese werden uns Mittel dafür in die Hand gegeben.

Habt ihr Lust bekommen bei einer Veranstaltung von young leaders teilzunehmen? Anmelden könnt ihr euch ganz einfach über diese Website: https://young-leaders.net. Dort könnt ihr alle Veranstaltungen einsehen und den passenden Bewerbungsbogen mit eurem Namen, Geburtsdatum, Adresse und eurem Engagement ausfüllen. Dann nur noch absenden und hoffen, dass die Bewerbung erfolgreich ist.

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Die Rückkehr der Nazi-Lehrer https://jojotimes.de/2024/09/25/die-rueckkehr-der-nazi-lehrer/ https://jojotimes.de/2024/09/25/die-rueckkehr-der-nazi-lehrer/#respond Wed, 25 Sep 2024 12:05:51 +0000 https://jojotimes.de/?p=1042 Bild der Veranstaltung: Viele der Anwesenden haben vor über fünfzig Jahren ihr Abitur am Johanneum gemacht

Wie stark war der NS-Einfluss am Johanneum in der Nachkriegszeit?

Es ist das Jahr 1945. Nach fast sechs Jahren Krieg tritt am 8. Mai die Erklärung der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands in Kraft. Es ist das Ende eines Krieges, der das Leben von über 60 Millionen Menschen kostete. Die Alliierten befreien Deutschland von der nationalsozialistischen Herrschaft und teilen es in vier Besatzungszonen auf. Lüneburg liegt in der britischen Zone, so auch das Johanneum. Am 1. Oktober 1945 wird hier der Schulbetrieb, der im Zuge der Besetzung durch die Alliierten eingestellt worden war, wieder aufgenommen. Jeder Lehrer wird vor der Wiedereinstellung in den Schuldienst von der britischen Militärregierung auf seine Aktivitäten während der Zeit des Nationalsozialismus überprüft.
Wie viele Lehrer haben sich am Johanneum am Nationalsozialismus beteiligt? Wie gestaltete sich das Schulleben in der Nachkriegszeit? Und was berichten ehemalige Schüler?

Am 21.05.2024 berichtete der Historiker und ehemalige Schüler des Johanneums Dr. Bernd Rother über die NS-Vergangenheit unserer Schule und stellte anhand von drei Jahren die Entwicklungen in der Nachkriegszeit dar. Seine Forschungen zeigen, wie lange das „Dritte Reich“ noch Auswirkungen auf das Johanneum hatte. Die Vortrags- und Diskussionsveranstaltung, die schon einmal im Januar stattgefunden hatte, fand in Zusammenarbeit mit der SPD im Museum Lüneburg statt. Viele ehemalige Schüler waren anwesend, die Vieles, was berichtet wurde, selbst miterlebt hatten. 

Entnazifizierung Deutschlands

Den Alliierten war es sehr wichtig, die deutsche Gesellschaft von nationalsozialistischen Einflüssen zu befreien und ein demokratisches System zu etablieren. Zum einen wurden die NSDAP und weitere nationalsozialistische Organisationen aufgelöst und Nationalsozialisten aus der öffentlichen Verwaltung und anderen Positionen ausgeschlossen. Zudem wurden alle nationalsozialistischen Gesetze außer Kraft gesetzt, Nazi-Symbole aus dem öffentlichen Raum entfernt und Straßennamen geändert. Zum anderen sollte die deutsche Bevölkerung entnazifiziert werden. Ein wichtiges Mittel dabei war ein Fragebogen, mit dem die Tätigkeiten und Stellungen im Nationalsozialismus abgefragt wurden. Daraufhin wurden die Menschen in verschiedene Kategorien eingestuft, nach denen sich das weitere Verfahren richtete, beispielsweise eine Inhaftierung bei „Hauptschuldigen“ oder ein Berufsverbot bei weniger Belasteten.

Wie war das Ergebnis für das Johanneum?

Im Zuge der Entnazifizierung wurde auch das Lehrerkollegium des Johanneums, welches zu der Zeit ein reines Jungengymnasium war, an dem ausschließlich männliche Lehrer unterrichteten, auf seine Aktivitäten überprüft. Dabei ergab sich ein erschreckendes Ergebnis: „[Wir kommen] für die 49 Lehrkräfte des Johanneums in der Nachkriegszeit auf einen Anteil von 73 % ehemaliger NSDAP-Mitglieder, während der Anteil in der erwachsenen Gesamtbevölkerung nur bei etwa 15 % lag“, so Bernd Rother. 

Einer dieser Lehrer war zum Beispiel Sigurd Pulwer. Mit neunzehn Jahren habe sich dieser im Jahr 1928 der noch unbedeutenden NSDAP und der SA (kurz für Sturmabteilung) angeschlossen. 1943 sei er Lehrer am Johanneum geworden. Am Kriegsende geriet er jedoch in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr unterrichtete er wieder am Johanneum. Im Fragebogen zur Entnazifizierung habe Pulwer nichts beschönigt oder verheimlicht, weshalb er 1947 aus dem Schuldienst entlassen worden sei. Zwei Jahre später wurde Pulwer allerdings von der Stadt Lüneburg auf Probe wieder als Lehrer eingestellt. Ein ehemaliger Schüler berichtete, das Pulwer deutliche Sympathien für den Nationalsozialismus zum Ausdruck gebracht haben soll. Zum Beispiel solle er betont haben, dass er sich nach „dieser furchtbaren Enttäuschung“ nie wieder politisch engagiert hätte.

Die Entnazifizierung der Lehrer war mit vielen organisatorischen Problemen verbunden. Die meisten Lehrer mussten im Nationalsozialismus Parteimitglieder werden, um unterrichten zu können, weshalb die konsequente Umsetzung eines Entnazifizierungsprogramms den Schulbetrieb erheblich gestört hätte. Aufgrund des großen Lehrermangels wurden daher viele ehemalige Parteimitglieder wieder eingestellt, so wie es bei Pulwer der Fall war, aber auch Pensionäre zurück an die Schulen geholt. 

 „Schwarze Pädagogik“

Wie lässt sich jedoch die Nachkriegszeit am Johanneum beschreiben? War die Schule immer noch vom Geist des Nationalsozialismus geprägt?

„Die Mehrzahl unserer Lehrer kehrte zu rechtskonservativen Überzeugungen der Vor-Nazizeit zurück“, erklärt Bernd Rother. Diese gingen mit altertümlichen Lehrmethoden mit körperlichen Übergriffen und „schwarzer Pädagogik“ einher. „Schwarze Pädagogik“ ist eine von der Publizistin Katharina Rutschky geprägte Bezeichnung, die Erziehungsmethoden, die mit Strafen, Kontrolle, Gewalt und Demütigungen verbunden sind, beschreibt. Davon berichteten auch ehemalige Schüler gegen Ende der Veranstaltung. So wurde von „fliegenden“ Schlüsselbunden, aggressivem Verhalten der Lehrerschaft und entwürdigenden Bemerkungen gesprochen.

Auch der Nationalsozialismus hatte aufgrund der hohen Anzahl an ehemaligen NSDAP-Mitgliedern, zu denen auch der Schulleiter gehörte, einen Einfluss auf die Schule und die Werte, die den Schülern vermittelt wurden. „Die Lehrer haben uns geprägt. Auch wenn sie keine Naziparolen sagten, wurden uns Inhalte unterschwellig mitgegeben“, erzählt einer der Ehemaligen. Dies zeigt, wie stark Schule Menschen für ihr Leben prägen kann – im positiven als auch im negativen Sinne – sodass sich Schüler*innen noch im hohen Alter an Erlebnisse aus ihrer Schulzeit erinnern können. Daher war es sehr beeindruckend zu sehen, welche Emotionen Rothers Erzählungen bei den ehemaligen Schülern ausgelöst haben.

Doch wie haben Lehrer*innen die Nachkriegszeit erlebt?

Ich habe eine ehemalige Lehrerin der Wilhelm-Raabe-Schule, die im Jahr 1954 als Referendarin an der Schule anfing, gefragt, wie sie die Nachkriegszeit dort erlebt hat: Da das Lehrerkollegium ähnlich wie am Johanneum vorwiegend aus älteren Lehrer*innen bestand, stach sie als eine von zwei jungen Lehrerinnen besonders hervor und wurde von den Schüler*innen dankbar empfangen. „Ich habe die Zeit an der Wilhelm-Raabe-Schule als wunderschön empfunden. Ich wurde dort mit offenen Armen aufgenommen und es herrschte ein unglaublich harmonischer Geist, vor allem, da die Schulleiterin sehr großzügig war und uns viele Freiheiten ließ“, berichtete sie mir. Allerdings betonte sie zudem, dass sie nur genau wisse, was in ihrem Klassenzimmer vorgegangen sei und über den Unterrichtsstil ihrer Kollegen eher wenig Bescheid wisse. Zu ehemaligen Parteimitgliedern unter den Lehrern erzählte sie mir: „Mir war bewusst, dass es auch an der Raabe-Schule Lehrer mit nationalsozialistischem Gedankengut gab, allerdings wurden Thesen und Überzeugungen des Nationalsozialismus nicht offen geäußert.“ Außerdem sei der Nationalsozialismus in der Schule, wie auch in der Gesellschaft Deutschlands lange kein Thema gewesen, sodass größtenteils nichts aufgearbeitet und kritisch analysiert worden sei. Dies hänge unter anderem mit dem „Wirtschaftswunder“, also dem steilen wirtschaftlichen Aufstieg in Westdeutschland in den fünfziger Jahren, zusammen, durch das die Beschäftigung mit dem Thema in den Hintergrund gerückt sei.

Der Wandel 

In den 1970ern setzte am Johanneum mit dem Wechsel des Schulleiters von einem ehemaligen NSDAP Mitglied zu einem SPD-Mitglied ein Wandel ein. Auch die Pensionierung der „NS-Generation“, die durch viele jüngere Lehrkräfte, unter denen sich erstmals auch vermehrt Lehrerinnen befanden, ersetzt wurden, habe laut Rother dazu beigetragen, dass „sich das Johanneum einer völlig neuen Zeit hingab“. Heute steht unsere Schule für Vielfalt, Toleranz und Offenheit, und es ist nichts mehr vom Geist der Vergangenheit zu spüren. Trotzdem ist es wichtig, sich mit der NS-Vergangenheit der Schule zu beschäftigen, wozu der Vortrag Rothers einen großen Beitrag geleistet hat.

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