Foto: Das Werk "Unemployed Journalist (Dave)" (2018) von Josh Kline

Eine Berliner Ausstellung untersucht weltweite Ausprägungen und Erscheinungsformen von Faschismus

Ein zusammengekauerter Journalist in einem Müllsack, zwei Einkaufswägen mit zu Händen geformten Plastikflaschen, flackernde Bildschirme mit einer gequält schreienden Person, schockierende, aufweckende, abstrakte, emotionale Filme, Malereien und Fotografien. Diese ganz unterschiedlichen Werke haben etwas gemeinsam: Sie beschäftigen sich mit dem Thema Faschismus, seinen Ausprägungen und Erscheinungsformen in der Vergangenheit, aber vor allem auch in der Gegenwart, in unserem Alltag. Faschismus ist nicht verschwunden, er ist heute noch präsent und zwar auf der ganzen Welt. Darauf möchten internationale Künstler*innen aufmerksam machen. Ihre rund 50 Werke werden in der im September 2025 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin eröffneten Ausstellung „Global Fascisms“ ausgestellt. Was ist Faschismus? Welche Relevanz hat er in unserer heutigen Welt? Und wie kann Kunst uns Faschismus verstehen, durchdringen und bekämpfen lassen?

Was ist Faschismus?

Der Begriff „Faschismus“ wird heutzutage meist unscharf gebraucht — ob in den sozialen Medien oder in politischen Debatten: Faschismusvorwürfe hören wir überall, doch häufig sind sie gar nicht zutreffend. Dadurch rückt die eigentliche Bedeutung des Begriffs immer mehr in den Hintergrund und wir werden blind für die wirklichen Gefahren faschistischer Denkweisen. Was bedeutet also „Faschismus“ genau? Leicht lässt sich diese Frage nicht beantworten, denn eine allgemeine Definition gibt es nicht. Der Faschismusbegriff wird zumeist auf das autoritäre, faschistische Regime des Diktators Benito Mussolini zurückgeführt, welches in Italien von 1922 bis 1943 herrschte. Dieses bezeichnete sich selbst mit dem italienischen Wort „fascio“, was übersetzt so viel wie „Rutenbündel“ bedeutet und das Amtszeichen der Leibwachen im antiken Rom darstellte. Im historischen Sinne kann Faschismus also als autoritäre, antidemokratische Ideologie mit dem Ziel, einen faschistischen Staat mit einem alleinigen Machthaber an seiner Spitze zu errichten, definiert werden. Damit verbunden sind Gewaltbereitschaft, übersteigerter Nationalismus – also das Überlegenheitsgefühl der eigenen Nation gegenüber anderen Nationen – sowie die Abwertung und Ausgrenzung von bestimmten Menschengruppen.

Eine globale Herausforderung

Ein Hauptziel des Ausstellungs- und Forschungsprojekts „Global Fascisms“ ist jedoch nicht die Betrachtung des Faschismus als historisches Phänomen, sondern als „allgegenwärtige und sich weiterentwickelnde globale Herausforderung“. Dass das Ende der faschistischen Staaten im 20. Jahrhundert auch automatisch zu einem Aussterben faschistischer Denkweisen in unserer heutigen Welt und in unseren Köpfen führte, ist ein Irrtum. Es lassen sich noch heute weltweit faschistische Tendenzen beobachten. Immer mehr Menschen wenden sich rechtsextremen und autoritären Bewegungen zu. Seit der letzten Bundestagswahl ist beispielsweise die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestufte Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) zweitstärkste Kraft im Bundestag. Hier zeigt sich ein jahrelanger Aufwärtskurs der Partei. Bei der Frage, ob die AfD faschistische Tendenzen hat, gehen die Expertenmeinungen auseinander, aber in jedem Fall existieren Strömungen innerhalb der Partei, die faschistoide Ideologien unterstützen. Dies äußert sich beispielsweise in populistischer, faschistoider Rhetorik, die häufig an den Nationalsozialismus angelehnt ist. Wenn politische Bewegungen, Parteien und Einzelpersonen autoritäre, nationalistische und antidemokratische Sichtweisen vertreten, dann sind faschistische Denkweisen nicht nur ein Phänomen aus Geschichtsbüchern, sondern vor unserer Haustür und überall auf der Welt spürbar.

Der Faschismus heute könne laut dem italienischen Schriftsteller Umberto Eco allerdings häufig nicht mit allen Ausprägungen der Vergangenheit gleichgesetzt werden, sondern wiederhole einzelne Elemente und Entwicklungen und spanne damit Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Eco beschreibt Faschismus als Muster aus 14 verschiedenen Merkmalen, darunter ein ausgeprägtes Feindbild oder die Ablehnung kritischer Denkweisen. Diese müssten nicht zwingend gleichzeitig vorhanden und mit dem Ziel der Errichtung einer Diktatur verbunden sein, um von Faschismus sprechen zu können.

Dem ständigen, schnelllebigen Wandel unserer Welt und der Gesellschaft folgt auch der Faschismus. Denn: Faschismus ist kein Zustand, sondern laut Eco ein Prozess, der entscheidend durch moderne Entwicklungen geprägt wird. So werden nicht nur Ausprägungen des historischen Faschismus wiederholt, sondern auch neue Muster und Feindbilder entworfen und umgedeutet. Der Faschismusbegriff, der grammatikalisch richtig nur im Singular verwendet werden darf, wird im Titel der Ausstellung im Plural gebraucht. Hier handelt es sich keinesfalls um einen Rechtschreibfehler, denn durch das Wort „Faschismen“ werden die Entwicklung des Faschismus und seine historischen Parallelen hervorgehoben: „Wir sprechen in erster Linie deshalb von Faschismen, weil wir die Kontinuitäten […] und Ähnlichkeiten, und damit den amöbenartigen Charakter des Faschismus hervorheben wollen, der zu verschiedenen Zeiten je Unterschiedliches bedeutet hat“, schreibt Cosmin Costinaș im kuratorischen Essay der Ausstellung.

Ein faschistischer Chatbot und ein Journalist ohne Arbeit

„Adolf Hitler sei die beste Person um den angeblichen Hass gegen Weiße zu bewältigen“, behauptete Chatbot Grok im Dialog mit einem Nutzer. Grok, der von Elon Musks KI-Unternehmen xAI entworfen wurde, fiel vor einigen Monaten durch mehrere antisemitische, den Nationalsozialismus verherrlichende Äußerungen auf. Ein Schock für viele Nutzer. Künstliche Intelligenz und die Sozialen Medien werden von Millionen von Menschen genutzt und können Millionen von Menschen erreichen. Hier liegt eine große Gefahr, denn so können faschistische Aussagen weltweit verbreitet und verstärkt werden. Durch ungefilterte Meinungsäußerung und die Verstärkung von Einstellungen durch den Austausch mit Gleichgesinnten in sogenannten „Echokammern“ werden faschistische Meinungen zunehmend normalisiert.

Den Einfluss von künstlicher Intelligenz auf den Wert und die Freiheit von Menschen beleuchtet auch der US-Amerikanische Künstler Josh Kline. Er stellt in seinem Werk „Unemployed Journalist (Dave)“ eine 3D-gedruckte Skulptur eines in einem Müllsack kauernden Journalisten dar. Ein Journalist, der wertlos ist und entsorgt wird, weil ihn künstliche Intelligenz ersetzt. Eine freie menschliche Berichterstattung wäre in einem solchen Szenario nicht mehr möglich, besonders wenn ein Chatbot wie Grok, kontrolliert von einen mächtigen Tech-Milliardär, diesen Job übernehmen würde.

Eine Art zusammenzuleben, ohne zusammen zu leben

„How to be invisible“ ist der Titel eines Gemäldes der polnischen Künstlerin Karolina Jablońska. Darauf zu sehen ist eine Frau, zusammengerollt auf dem Boden und in ein großes Kleidungsstück gehüllt. Die Figur scheint sich verstecken zu wollen, doch es gelingt ihr nicht, da ihr Körper den Mittelpunkt des Gemäldes bildet. Das Gefühl der Verzweiflung ist regelrecht spürbar. Die Künstlerin kritisiert die Macht der Politik mit Abtreibungsverboten über das Leben von Frauen zu entscheiden und inszeniert mit der Figur auf ihrem Gemälde einen stillen Protest. Durch diese politischen Maßnahmen werde über das persönliche Leben der Menschen verfügt.

Faschistische Ideologien entscheiden darüber, welches Leben wertvoll und welches wertlos ist. So könne Faschismus nach Umberto Eco auch als „Kriegserklärung“ gegen eine bestimmte Gruppe verstanden werden. Dabei ist diese Gruppe kein wirklicher Feind, sondern ein Konstrukt, welches aus faschistischen Ideologien hervorgeht. Wenn Donald Trump beispielsweise das rassistische Gerücht verbreitet, Migranten in Springfield würden Hunde und Katzen essen, dann verbreitet er gezielt Hass und Angst, um diese Gruppe zu entmenschlichen. Das Entwerfen und die Verbreitung von Feindbildern sind in unserer heutigen Zeit keine Seltenheit. Bei einer Führung durch die Ausstellung sagte unser Guide daher, dass Faschismus eine Art zusammenzuleben sei, ohne jedoch zusammen zu leben.

Sind wir alle Faschisten?

Woher kommt Faschismus? Warum glauben Menschen an faschistische Ideologien? Liegen faschistische Denkweisen vielleicht sogar in der menschlichen Natur, sodass im Grunde jeder ein Faschist ist? Auch mit diesen Fragen beschäftigen sich die Kunstwerke, ohne sie jedoch immer eindeutig beantworten zu können. Die Künstlerin Hanna Höch, die zur Zeit des Nationalsozialismus malte, hält in ihrem abstrakten Gemälde „Wilder Aufbruch“ (1945), welches eine Figur zeigt, die aus einer anderen emporsteigt, einen besonders traurigen Moment der Geschichte fest. Sie zeigt, wie große Teile der deutschen Bevölkerung die Nationalsozialisten willkommen hießen und ihre faschistischen, rassistischen und antisemitischen Denkweisen ohne Hinterfragen unterstützten. Ein „wilder Aufbruch“ in eine faschistische Zukunft. Warum? Viele Menschen erhofften sich eine bessere Zukunft. Faschistische Überzeugungen gedeihen besonders in Krisenzeiten, in Zeiten der Unsicherheit, in denen der Faschismus eine rettende Ordnung verspricht. Verbunden mit einer „großen Erzählung“ werden Erwartungen geweckt, die niemals erfüllt werden können.

Sind wir heutzutage, in einer Welt voller Krisen und Kriege, in der Lage, aufkommende faschistische Wellen zu brechen? In einer Welt, in der sich mehr und mehr faschistische Denkweisen breit machen und Unterstützung finden? In der sich diese durch Technologien rasant verbreiten?

Die Kunst des Widerstands

„Kunst kann in einzigartiger Weise die verschiedenen Ebenen des Lebens durchdringen und widerspiegeln“, so beschreibt der Kurator Cosmin Costinaș die Wirkung der Kunst. Die verschiedenen Kunstwerke bilden Faschismus zum einen ab und reflektieren über seine Erscheinungsformen in der Welt. Die Betrachter werden informiert und können diesen verstehen, ohne lange Definitionen zu lesen, die einen Knoten im Kopf hinterlassen. Zum anderen leistet Kunst aber auch, und das ist noch viel wichtiger, aktiv Widerstand gegen faschistische Ideologien. Allein schon ihre Existenz stellt sich diesen entgegen. Die Werke wirken emotional, verstörend und verwunderlich auf ihre Betrachter und regen diese zum Nachdenken, zur Selbstreflexion und Auseinandersetzung mit dem Thema an. Kunst lässt uns Faschismus nicht aus einer Distanz betrachten, sondern seine Tendenzen von Berlin bis Bangkok erleben und durchdringen. So schafft die Kunst einen Diskussions- und Widerstandsraum. Zudem kann sie auch Momente des Widerstands abbilden, an denen sich Menschen orientieren und festhalten können.

Die Ausstellung „Global Fascisms“ ruft uns dazu auf, nicht zuzulassen, dass sich faschistische und menschenfeindliche Denkweisen in Gesellschaft und Politik verbreiten, sodass ein Punkt erreicht wird, an dem sich die Welle nicht mehr aufhalten lässt. Selbst wenn es sich nur um faschistische Tendenzen handle, dürften wir sie nicht verharmlosen und darauf warten, dass sich das Problem schon von selbst lösen werde. Das Projekt zeigt, welche Wirkung Kreativität und kluge Köpfe im Widerstand gegen Faschismus haben und auch nach dem Ende der Ausstellung, dürften wir dies nicht vergessen. Was die Ausstellung uns sagen möchte: Lasst uns nicht nur nebeneinander, sondern auch miteinander leben.

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